Die Pathologie der europäischen Russophobie:
Man kann Russlands Sicherheitsinteressen nicht folgenlos ignorieren


von Arn Strohmeyer*
26.10.2026

Jeffrey Sachs weist in seinem neuen Buch (Europas strategischer Irrtum. Warum die antirussische Haltung selbstzerstörerisch ist) nach, wie selbstzerstörerisch die antirussische Haltung des Westens ist



Jedes politische Nachdenken über Russland im Zusammenhang mit Sicherheit, das macht Jeffrey Sachs, renommierter Wirtschaftsprofessor und Historiker an der Columbia University in New York, deutlich, muss mit einem Blick auf die Geographie beginnen. Russland umfasst ein riesiges Territorium – seine Landmasse, ist aber nicht wie die der USA im Osten und Westen durch Ozeane auf natürliche Weise geschützt, sondern sie bietet aus diesen beiden Himmelsrichtungen Feinden immer wieder eine gute Gelegenheit zur Invasion.

Im 13. Jahrhundert machten die Mongolen aus dem Osten kommend den Anfang, der deutsche Ritterorden fiel zur selben Zeit aus dem Westen ein. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts folgte Napoleons Feldzug, der ihn bis nach Moskau führte. Briten und Franzosen bedrängten das Land – diesmal von Süden – im Krim-Krieg 1853 bis 1856. Im 20. Jahrhundert drangen die Deutschen zweimal tief in das russische Gebiet ein: in zwei Weltkriegen 1914 und 1941. Letzterer, von Hitler als Vernichtungskrieg geplant, forderte von den Russen einen schrecklichen Blutzoll: 27 Millionen Menschen kamen ums Leben.

Alle diese Überfälle haben sich tief in das kollektive russische Bewusstsein eingeprägt, verständlicherweise tiefe Ängste geweckt und ein starkes Bedürfnis nach strategischer Sicherheit hervorgerufen. Die westlichen Staaten einschließlich der USA haben diese russischen Sicherheitsinteressen aber in der Regel nicht als legitim und als Gegenstand einer gemeinsamen europäischen Ordnung angesehen, zu der Russland ganz selbstverständlich gehört. Wenn die Russen aus Sicherheitsgründen versuchten, ein Glacis von Pufferregionen um sich herum zu schaffen, wurde ihnen das vom Westen stets als Imperialismus ausgelegt.

Anders gesagt: Europa hat sich zumeist geweigert (und tut das auch gerade in der Gegenwart wieder), Russland trotz seiner tiefen europäischen Wurzeln als legitimen europäischen Sicherheitsakteur anzuerkennen. Als wesentlichen Grund für dieses irrationale Verhalten der Europäer und Amerikaner macht Sachs die Russophobie aus, die er als „strukturelles Vorurteil“ oder als „strukturelle Verzerrung im europäischen sicherheitspolitischen Denken“ definiert. Russische Macht ist in dieser europäischen und amerikanischen Sicht von vornherein verdächtig und illegitim, russische Sicherheitsansprüche haben so gesehen immer aggressiven Charakter und werden als Bedrohung wahrgenommen.

Diese Voreingenommenheit gegenüber Russland hat zur Folge, dass dieser Staat von den sonst üblichen Regeln diplomatischer Praxis ausgeschlossen wird, während man anderen Großmächten ganz selbstverständlich legitime Sicherheitsinteressen zugesteht. Frieden, so Sachs, verstanden als „Vermeidung eines groß angelegten Krieges durch ausgehandelte Sicherheitsvereinbarungen“ sei mit Russland immer wieder möglich gewesen, sei vom Westen aber wegen seiner Russophobie zurückgewiesen und abgelehnt worden. Was die Sicherheit Europas nicht erhöht, sondern den Kontinent geschwächt und wiederholt in die Katastrophe gestürzt hat. Diese Blindheit, die Realitäten anzuerkennen, macht für Sachs die Tragödie der europäischen und amerikanischen Sicherheitspolitik aus.

Sachs nennt für seine These historische Beispiele: den völlig überflüssigen und nicht notwenigen Krimkrieg; die deutsche Konstruktion Russlands als künftige Bedrohung vor 1914, obwohl damals keine russische Gefahr für Europa bestand; die militärische Intervention der Alliierten im russischen Bürgerkrieg nach der Revolution dort sowie die europäische Weigerung, in den 1930er Jahren ein System kollektiver Sicherheit mit der Sowjetunion aufzubauen, was direkt zum zweiten Weltkrieg führte.

Weiter führt Sachs als Beispiele an: die Ablehnung eines neutralen und wiedervereinigten Deutschland unmittelbar nach 1945 und erneut nach 1952 (Stalin-Note), wodurch die Teilung Europas im Kalten Krieg verfestigt wurde; die Abkehr von der von der Bundesrepublik initiierten Entspannungs- und Ostpolitik in den 1980er Jahren zugunsten einer stärker militarisierten Blockpolitik; schließlich die Missachtung russischer Sicherheitsinteressen durch die NATO-Erweiterung nach Osten, die auch die Ukraine einschließen soll – also letzten Endes das Streben der USA nach unipolarer globaler Vorherrschaft, das letztlich dann den Ukraine-Krieg zur Folge hatte.

Dieser Krieg ist der absolute Kulminationspunkt in der sicherheitspolitischen Tragödie, die Sachs beschreibt, die immer dasselbe Muster aufweist: Europäische Staats- und Regierungschefs behandeln Russland als permanente Bedrohung: Es muss eingedämmt, geschwächt oder besiegt werden anstatt es als das zu behandeln, was es ist: eine benachbarte Großmacht, mit der eine Annäherung und ein friedlicher Ausgleich möglich sind. Sachs wörtlich: „An jedem Wendepunkt hätte es einen Weg zum Frieden gegeben, an jedem wurde er verworfen – und jedes Mal zahlte der Westen den Preis für seine Russophobie.“

Ein herausragender Wendepunkt war zu Beginn der 1990er Jahre Michail Gorbatschows Vorschlag des „gemeinsamen europäischen Hauses.“ Dieses sehr ernst gemeinte Angebot hatte das Ziel, die Logik der Abschreckung, die die Gegnerschaft von NATO und Warschauer Pakt bestimmt hatte, durch eine kooperative Architektur gemeinsamer und unteilbarer Sicherheit zu ersetzen. Und Russland hatte für einen solchen Sicherheitspakt Vorleistungen erbracht: den Rückzug seiner Truppen aus Osteuropa und der DDR, die Auflösung des Warschauer Paktes und die Wiedervereinigung Deutschlands. Das Alles geschah unter der Voraussetzung, dass der Westen sein Versprechen halten würde, dass „die NATO keinen Millimeter nach Osten vorrücken würde“. So hatten es der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein amerikanischer Kollege James Baker formuliert. Und auch mündliche Zusagen sind völkerrechtlich gültig.

Die NATO hielt ihr Versprechen nicht, die Sicherheitsinteressen Russlands wurden in den Wind geschlagen und die NATO etablierte sich fest in der Ukraine. Als auf der Konferenz des Bündnisses in Bukarest 2008 auf Druck der USA die Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die NATO beschlossen wurde, warnte selbst die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das bedeutet Krieg!“ Aber sie fügte sich dem Druck der Amerikaner. Es siegte also nicht die Idee des „gemeinsamen Hauses Europa“, sondern der unipolare Anspruch der USA, die einzige dominante Weltmacht zu sein. Russland, das ohnehin durch den Zusammenbruch der Sowjetunion geschwächt war, wurde auf diese Weise zutiefst gedemütigt.

Sein Anspruch auf sichere Grenzen wurde „verraten“ (Sachs). Mit den dann folgenden Stationen des nationalistischen Putsches in Kiew 2014 und der Nicht-Umsetzung der beiden Minsker Abkommen, die Autonomie für den Donbass vorgesehen hatten, wurden die Weichen für den Krieg in der Ukraine gestellt, der 2022 dann auch begann. Zu diesem Zeitpunkt hätte er noch gestoppt werden können, aber der Westen lehnte die auf der Konferenz in Istanbul ausgehandelten Grundzüge für einen Friedensvertrag ab und setzte in seiner Russophobie ganz auf Krieg, der fortgesetzt werden sollte, um Russland zu schwächen, also als Weltmacht nicht wieder hochkommen zu lassen.

Das Ergebnis ist ein neuer Kalter Krieg, der wieder wie sein Vorgänger unter der Drohung einer nuklearen Eskalation steht. Auch wirtschaftlich ist diese Entwicklung für den Westen und speziell für Deutschland nur von Nachteil: Die hohen Ausgaben für Rüstung bedrohen die Sozialsysteme und den Wohlstand – ein selbstzerstörerischer Weg also. Und töricht obendrein: Denn die Russophobie, die ja geradezu dazu zwingt, dieses Land als permanente Bedrohung zu betrachten und es „eindämmen“ zu müssen, hat stets dazu geführt, dass Russland zu dem Verhalten getrieben wurde, das Europa befürchtete und auf das der Westen mit einem erneuten aggressiven Ausschluss dieses Staates reagierte. Ein ewiger sinnloser Teufelskreis also – bestens dokumentiert durch den Ausspruch des deutschen Außenministers Johann Wadepuhl: „Russland ist unser ewiger Feind.“ Entspannung wird also entgegen jedem deutschen Interesse für alle Zukunft von der gegenwärtigen deutschen Regierung ausgeschlossen.

Aus dem hier Gesagten ergibt sich von selbst, was Sachs als einzige Lösung für die Zukunft vorschlägt: die Anerkennung Russlands als Großmacht in europäischen Angelegenheiten, was auch zugleich die Anerkennung seiner legitimen Sicherheitsinteressen bedeutet. Anders gesagt: Die Russophobie und den europäischen Verrat am Frieden mit Russland endlich aufzugeben!

Jeffrey Sachs weist in seiner brillanten Analyse der europäischen und amerikanischen Sicherheitspolitik nach, wie sehr diese so gut wie jeden Kontakt zur Realität verloren und sich auf einen sehr gefährlichen Weg begeben hat. Die Machtpolitik der westlichen Politik-Elite, die Russland mit allen Mitteln im Ukraine-Krieg in eine Niederlage treiben will, hat das Bedürfnis der Menschen nach Frieden völlig aus den Augen verloren. Sachs‘ Analyse ist ein exzellenter Beitrag, der westlichen Politik den Weg in die richtige Richtung zu weisen.


Jeffrey Sachs: Europas strategischer Irrtum. Warum die antirussische Haltung selbstzerstörerisch ist, Westend-Verlag Neu-Isenburg, ISBN 978-3-98791-377-8, 30 Euro



* Journalist und Autor, Verfasser zahlreicher Bücher, Artikel, Essays, Interviews und Buchrezensionen. Der Nahe Osten ist einer seiner Schwerpunkte. Er lebt und arbeitet in Bremen.  Website des Autors: https://arnstrohmeyer.de

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