von Lothar Lieck*
02.07.2026
Lothar Lieck liefert eine überaus faktenreiche Abrechnung mit der inszenierten Verfeindung der Generationen. Wir veröffentlichen seine 60seitige Broschüre in vier Teilen und einem Vorwort. Sein Material ist sehr gut geeignet für sachkundige, in die Tiefe gehende Diskussionen sowie für Weiterbildungen zum Thema Rente.
Mein Motiv für diese Artikelserie
Die Zukunft der Rente ist ein Dauerthema, das ab und zu in die Schlagzeilen kommt, aber dann meist
für lange Zeit in Expertenkommissionen verschwindet. Wenn es in die Schlagzeilen gerät, wird es
oft unter dem Stichwort ‚Generationengerechtigkeit‘ oder in etwas rauer gestrickten Medien
wahlweise als ‚Katastrophe‘ ‚Kollaps‘, ‚Altenexplosion‘ oder ‚übermorgen bevorstehender
Untergang eines aufgeblähten Sozialstaates‘ abgehandelt.
Ein selten weggelassener Griff in die uralte Verfeindungskiste ist es, die Älteren als Profiteure und
die Jungen als Opfer darzustellen, speziell die Altersgruppen unter 25.
Dem Thema ‚Rente‘ und ‚Rentenzukunft‘ haben sich schon viele gewidmet, es geht schließlich um
400 Mrd. Euro pro Jahr. Was die Artikel selten behandeln, ist der finanzielle Aufwand für die junge
Generation. Politik und Medien sind darauf fixiert, dass nur die Alten etwas ‚kosten‘. Es rückt
vielleicht etwas die Dimensionen zurecht, wenn auch einmal die Ausgaben für die junge Generation
betrachtet werden. Und die Gegenüberstellung ist nicht uninteressant.
Ich muss zugeben, es war mir eigentlich zuwider, die Kosten pro Generation auszurechnen. Zu
buchhalterisch, zu sehr auf Euros fixiert. Aber: die Älteren werden oft nur unter diesem
Gesichtspunkt betrachtet. Deswegen war es an der Zeit, mal zu sagen: Wenn es immer nur um
Kosten geht, ihr Jüngeren seid auch nicht ‚umsonst‘!
Vielleicht war auch ein kleines bisschen Verbitterung Motiv für den Autor (selber siebzig, drei
Kinder, sechs Enkelkinder), trotz grundsätzlichem Optimismus. Er hat (zu)viel über die Rente gelesen
und da spürt man es schon zwischen den Zeilen: die Ausgaben für die Jungen sind die Zukunft! Den
Autoren geht das Herz und in den Artikeln die Sonne auf. Obwohl: Allzu viel darf es auch nicht
kosten. Die Ausgaben für die Älteren sind - ja doch irgendwie - nötig, aber im Grunde verschleudert,
so für die Resterampe. Also mehr das Gefühl ‚Mond‘ statt Sonne. Und: Mond, geh‘ schnell unter,
bitte!
Die vier Teile – eine kurze Übersicht
Der erste Teil dieser ‚bescheidenen Abrechnung‘ dreht sich um die gegenwärtigen – und
notwendigen - staatlichen und familiären Ausgaben für Kinder und Jugendliche. Im zweiten Teil
geht es um das Einkommen der ‚Alten‘ oder besser ‚Älteren‘ in der Gesellschaft, also alle, die 65
Jahre oder älter sind. Im dritten Teil geht es um die ‚demographische Katastrophe‘, d.h., den
Anstieg des Anteils der Älteren an der Bevölkerung. Im vierten Teil geht es um einen der wichtigsten
Veränderungsvorschläge diverser Expertenkommissionen, die Erhöhung des Renteneintrittsalters
auf 69 Jahre bzw. die dauerhafte Kopplung von Renteneintrittsalter und Lebenserwartung.
Teil 1: Wenn jemand bis zum 25. Lebensjahr und auch in der Anfangsphase der Erwerbstätigkeit
‚arm‘ ist im Vergleich zu Rentenbeziehern, liegt es daran, dass Kinder und Jugendliche von
familiären oder staatlichen Finanztransfers leben, die - von den bereits in diesem Alter voll
Erwerbstätigen abgesehen - auch bei vielen jungen Erwachsenen nur eine minimale bis halbwegs
normale finanzielle Existenz garantieren.
Teil 2: Wenn ein Rentner in Geld ‚schwimmt‘, liegt es nicht an der gesetzlichen Rente, sondern amhohen Einkommen in der vorherigen Erwerbstätigkeit oder / und dem erworbenen oder ererbten
Vermögen. Vermögen, aus dem dann für die obersten Einkommensgruppen beispielsweise
Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung fließen; solche Einnahmen haben aber nur 19% der
Rentenbezieher. Wenn das Einkommen normal oder unterdurchschnittlich war, wird man von der
gesetzliche Rente allein eher schlecht als recht leben können.
Teil 3: Die Erzählung der demographische Katastrophe lebt immer noch von massiven Über-
schätzungen und Fehlprognosen der 80er und 90er Jahre. Demographische ‚Entwicklung‘ wäre der
angemessenere Begriff. Mittlerweile ist es realistisch, dass allein eine geringe jährliche
Arbeitsproduktivitätssteigerung ausreicht, auch in einer alternden Gesellschaft den Lebensstandard
zu halten, für alle.
Die Lobbyisten für ein immer niedrigeres Rentenniveau waren recht erfolgreich. Sie haben es
erreicht, dass zwischen 2000 und 2024 für insgesamt 12,5% mehr Rentenbezieher der Anteil der
gesetzlichen Altersrenten am Bruttoinlandsprodukt um 7% gefallen ist Immer weniger für immer
mehr Rentner, das ist das Ziel und das Programm.
Teil 4: Im letzten Teil geht um die Gesundheit der Älteren und das Renteneintrittsalter. Soll es,
kann es auf 69 Jahre erhöht werden? Das Renteneintrittsalter soll mit der gestiegenen
Lebenserwartung verknüpft werden. Nun ist die Lebenserwartung nicht die gleiche unter allen
Lebens- und Arbeitsbedingungen. Angesichts der sehr unterschiedlichen gesundheitlichen Lage – je
nach Einkommen und Beruf - ist ein höheres Rentenzugangsalter am ehesten für die höheren
Einkommensgruppen in ‚guten‘ Berufen machbar. Den anderen bleibt nur eine kurze Zeitspanne
zwischen Rentenbeginn, ernsten gesundheitlichen Einschränkungen und Sterbealter; zur ‚letzten
Haltelinie‘ wird die Erwerbsunfähigkeitsrente.
Die Zukunft der gesetzlichen Renten hängt vor allem von der ökonomischen Kraft und dem
‚Solidaritätsempfinden‘ der aktiv Erwerbstätigen ab. Diese stehen allerdings wie alle unter dem
Dauerbeschuss von Finanzlobbyisten, Versicherern, weitgehend datenignorierenden Drama-Produzenten in den Medien und ernsten Warnungen vor ‚unaufhaltsamen Altenwellen‘ in Sachver-
ständigengutachten. Und von Protagonisten und Lobbyisten der Beamtenversorgung und der
berufsständischen Versorgung.
Aggressivität gegen die Alten steckt aber nicht nur in den sprachlichen ‚Aufregern‘, die erhöhen nur
den Katastrophen- und Dramacharakter. Sie stecken in der ungleichen bzw. unsozialen Finanzierungsstruktur des Rentensystems, die aber auch nur die Ungleichheit der Einkommen und
Vermögen widerspiegelt. Sie kommt von oben, wird dann aber noch wortgewaltig und assoziativ
(alles ‚krank‘) und ohne Unterlass in die Öffentlichkeit ‚gepusht‘. Und das findet Widerhall bei den
Jungen. Besonders dann, wenn die Abgaben zur gesetzlichen Rentenversicherung ein geringes
Einkommen noch weiter schmälern.
Ich kann nur allen und besonders den Jungen raten, sich einen einzigen vollen Tag im Leben mit dem
Thema näher zu beschäftigen. Es lohnt sich! Und dann den ganzen Katastrophen- und
Privatvorsorgepropheten zu sagen: Weniger Drama - bessere Argumente - oder gebt einfach mal
Ruhe!
Dann könnte vielleicht auch eintreten, was die Akademiengruppe ‚Altern in Deutschland‘ in ihrem
Bericht ‚Zwölf Vorschläge, wie die demographische Chance genutzt werden kann‘ im Jahr 2009 so
formuliert hat:
‚Der Krieg der Generationen fällt aus: Die Produktivität der gewonnenen Jahre bietet auch einer
Gesellschaft mit alternder Bevölkerung die Chance auf Wachstum und Wohlstand.‘ (*)
Der Artikel erschien bereits bei seniorenaufstand.de. Siehe dort auch die 24 Seiten umfassende Broschüre (pdf) mit Argumenten für eine grundlegende Rentenreform.
Teil 1 – Die Jungen und ihr finanzielles ‚Nichts‘
Teil 2 – Die Älteren und ihr sagenhaftes Renteneinkommen
Teil 3 – Demographie - Die Altenflut und die Jungenebbe
Teil 4 – Gesund genug für die Erhöhung des Renteneintrittsalters?
Zum Autor
*Lothar Lieck, Jahrgang 1955, hat im Jahr 1998 ein Buch zum Thema Rentenpolitik in Deutschland,
Österreich und Schweden veröffentlicht (gemeinsam mit Josef Wöss). Bis 2023 waren dann
überwiegend Arbeits- und Gesundheitsschutz sein Thema. Schwerpunkt war die Wirksamkeit von
Politik, Gesetzen und praktischen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in
Deutschland, der EU und international. Bis Ende 2023 hat er bei der EU-Agentur für Sicherheit und
Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in Spanien gearbeitet. Seit der Rückkehr nach Deutschland
Neubefassung mit dem Thema Rente.
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