Die Vergessenen vom
Fotos: Sönke Hundt

Die Vergessenen vom "Russenfriedhof" in Bremen-Oslebshausen


von Sönke Hundt

In Bremen gibt es Pläne, im Stadtteil Oslebshausen eine große Bahnwerkstatt zu errichten, ausgerechnet dort, wo während der Nazi-Zeit hunderte von Toten begraben wurden, vorwiegend aus der Sowjetunion und Polen, die aus den Internierungslagern der "Rüstungshochburg" Bremen stammten. Mitglieder einer Bürgerinitiative und des Friedensforums fordern den Stopp aller Planungen und die Einrichtung einer Kriegsgräbergedenkstätte am Ort des sog. "Russenfriedhofs".

Bremen war während der Nazi-Zeit eine "Rüstungshochburg" - mit einem chronischen Mangel an Arbeitskräften. In über 200 Internierungslagern wurden über 30.000 vorwiegend aus der Sowjetunion und Polen (aber auch aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien) verschleppte Männer, Frauen und Kinder zur Zwangsarbeit gezwungen. Das Völkerrecht galt hier nicht. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Osteuropa galten als Untermenschen. Sie wurden verachtet, schikaniert, gequält und dem Tod durch Krankheit, Hunger, Kälte und Erschöpfung preisgegeben. Für die vielen Toten aus den Internierungslagern mussten eigene Friedhöfe bzw. Massengräber angelegt werden.

In Bremen-Grambke (heute: Oslebshausen), einem Stadtteil in der Nähe der großen Werften und anderen Rüstungsbetrieben, existierten fünf große Internierungslager. Die vielen Toten wurden auf einem großen Areal mit 20.000 Quadratmetern auf einer Gleisschleife innerhalb der Hafenbahnanlagen, später als "Russenfriedhof" bezeichnet, beigesetzt. Dieser liegt nun unglücklicherweise auf einem Gelände, das der Bremer Senat als Eigentümer dem Alstom-Konzern (dem derzeit in Deutschland größten Anbieter von Bahntechnik) für den Bau einer großen Bahnwerkstatt verkaufen bzw. in Erbpacht übertragen will. Alstom plant hier ein Milliardenprojekt und verspricht viele Arbeitsplätze.

Werden die Pläne weiter vorangetrieben, bahnt sich hier ein unglaublicher Skandal im Umgang mit Bremens Nazi-Vergangenheit an. Der Bremer Senat hatte tatsächlich nach eigenem Eingeständnis keine Ahnung davon, dass sich auf dem vorgesehenen Gelände eine völkerrechtlich geschützte Kriegsgräberstätte für schätzungsweise 800 Tote befindet. Die "Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu" und das Bremer Friedensforum haben diesen Skandal jetzt öffentlich gemacht.

Man hätte es besser wissen können. Über diesen "Russenfriedhof" ist in den ersten Nachkriegsjahren, als der Antifaschismus noch politisch stark war, mehrmals und relativ präzise berichtet worden.
• Das Schlüsseldokument in den jetzigen Auseinandersetzungen ist der Bericht des 19. Polizeireviers vom 9. Mai 1946. Der Bericht wurde angefertig auf Anweisung einer Kommission der Vereinten Nationen und der Alliierten Siegermächte über die Grabstellen für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf Bremer Gebiet. In dem Bericht hieß es u.a.: "Russenfriedhof nordöstlich der Hafenbahn, von Stacheldrahtzaun umgeben; die einzelnen Grabstellen sind mit einem Holzkreuz mit Nummern von 1 - 217 versehen; weitere Gräber mit den Nummern Z 1 bis Z 63 vorhanden; etwa 460 Grabstellen ohne Kennzeichen; zwei Gräber mit Kreuzen und Inschrift."

• Der Bremer Senat befasste sich am 18. August 1947 in einem Grundsatzbeschluss mit der Anlage von sieben "Ehrenfriedhöfen" für die vielen Kriegsopfer in Bremen. Der "Russenfriedhof" mit "schätzungsweise 800 Toten" wurde dabei ausdrücklich und an erster Stelle genannt. Er sollte umgebettet werden. Die lokale Presse berichtete damals ausführlich.

Zu dem geplanten "Ehrenfriedhof" und der beschlossenen Umbettung ist es nie gekommen. In der lokalen Presse oder auch im Staatsarchiv finden sich in den nächsten Jahren weder Berichte noch Dokumente.Warum nicht, ist bis heute unklar. Bereits kurz nach der vom 19. Polizeirevier durchgeführten Untersuchung ist das Gelände mit Sand (2 bis 4 m) überspült worden. Als nach (!) der Überspülung dann doch eine Umbettung der Toten auf den Osterholzer Friedhof vorgenommen wurde, stellte sich heraus, dass die Exhumierungen nicht vollständig waren. Als die Kreiszeitung (kreiszeitung.de v. 29.06.2021) Professor Konrad Elmshäuser, den jetzigen Direktor des Bremer Staatsarchiv, auf diese Merkwürdigkeiten hin ansprach, erklärte er: es sei davon auszugehen, dass auf dem Areal des "Russenfriedhofs" weiterhin 280 Opfer in der Erde liegen. Offenbar sei dieser Umstand vertuscht worden. Elmshäuser beklagte die dünne Quellenlage. Zu erwartende Quellen seien nicht auffindbar.

Inzwischen ist viel passiert.

• Ein Whistleblower hatte erste Informationen über die internen Pläne mit Alstom an die Bürgerinitiative vermittelt

• zwei Geschichtsforscher, Harry Winkel und Peter-Michael Meiners, die sich seit Jahren mit der NS-Geschichte ihres Stadtteils befassen, haben ihre Recherchen und ihre Kenntnisse der BI zur Verfügung gestellt

• natürlich ist im Staatsarchiv nach weiteren Hinweisen gesucht worden

• es sind Luftbildaufnahmen der Alliierten angefordert und untersucht worden

• das Internationale Zentrum über NS-Opfer - Arolsen Archives - ist um Unterstützung gebeten worden

• Als wichtigste Quelle erwies sich das in Moskau online zugängliche Archiv MEMORIAL, wo fast alle Namen der Bestatteten mit ihrer sogenannten "Personalkarte A" aufgefunden und somit identifiziert werden konnten

• Als die Leiterin der Archäologie Bremen, Prof. Dr. Uta Halle, von der (wahrscheinlich) zugeschütteten Kriegsgräberstelle erfuhr, haben sie und ihre Behörde eine archäologische Untersuchung angeordnet. Die Grabungen werden zur Zeit durchgeführt. (Über die ersten Ergebnisse berichtet im Interview Dieter Winge.)

• In den regionalen (Weser Kurier, Kreiszeitung, Radio Bremen) und überregionalen Medien (Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Der Spiegel) wurde breit berichtet

• Der Skandal um die "Vergessenen" des "Russenfriedhofs" hat längst auch eine internationale Dimension. Am 27. August 2021 war die ukrainische Generalkonsulin, Iryna Tybinka, auf einer Pressekonferenz in Bremen, zusammen mit Studenten von der Universität Kiew, die bei den Ausgrabungen halfen. Der russische Generalkonsul Andrei Sharashkin hat das Gräberfeld schon dreimal besucht, wobei er von russischen Medienvertretern begleitet wurde. In seiner Heimat, sagte er, sei man sehr sensibel im Umgang mit Kriegsgräbern.

Humanitäres Völkerrecht
Für die Behandlung von Kriegsgräbern gilt uneingeschränkt das humanitäre Völkerrecht. BI und Friedensforum haben das Kalshoven-Gieskes Forum on International Humanitarian Law, Leiden University Netherlands unter der Leitung von Prof. Dr. Robert Heinsch um ein "Kurzgutachten zu den Russischen Kriegsgräbern in Bremen und den Anforderungen des humanitären Völkerrechts und der Genfer Abkommen" gebeten.

Auszüge aus dem Gutachten vom 29. Juni 2021
"Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet die Kriegspartei, auf dessen Boden sich die Kriegsgräberstätte befindet, dazu, die Stätte zu pflegen und zu erhalten. Um dieser Pflicht nachzukommen, müssen die Gräber gekennzeichnet werden, dass sie immer wiedererkennbar sind. Dies bedeutet, dass die Integrität der Kriegsgräberstätte nicht gefährdet werden darf, bevor die sterblichen Überreste, die dort ruhen, exhumiert und umgebettet worden sind. Exhumierung und Umbettung darf nur in bestimmten rechtlich anerkannten Umständen unternommen werden. Wenn aufgrund vorheriger Umbettungen keine sterblichen Überreste mehr in einer Stätte aufzufinden sind, trägt diese Stätte nicht mehr den Status einer Kriegsgräberstätte. Dies trifft nicht zu, wenn keine sterblichen Überreste aufzufinden sind, nur weil der Verwesungsprozess vollzogen ist. Die Einrichtung einer Bahnwerkstatt auf dem Areal einer Kriegsgräberstätte, wo Verstorbene ihren letzten Ruheort gefunden haben, ist also nicht mit dem humanitären Völkerrecht vereinbar, wenn deren sterblichen Überreste nie exhumiert und umgebettet worden sind."

"Das humanitäre Völkerrecht besagt, dass die Kriegspartei, auf deren Boden sich eine Kriegsgräberstätte befindet, dazu verpflichtet ist, diese dauerhaft zu pflegen und zu erhalten. Um dieser Pflicht nachzukommen, muss diese Kriegspartei, sobald es die Umstände erlauben, mit dem Heimatstaat der Verstorbenen Abkommen schließen, die den dauernden Erhalt der Kriegsgräberstätten ermöglichen. Diese im humanitären Völkerrecht verankerte Pflicht wird in Deutschland durch das 'dauernde Ruherecht' umgesetzt."



Mitglieder der Bürgerinitiative und des Friedensforum forderten jetzt in einer großen Petition an die Bremische Bürgerschaft den Stop aller Planungen und die Einrichtung einer Kriegsgräbergedenkstätte am Ort des "Russenfriedhofs". Die erste Antwort (vom 17. August 2021) des Bremer Senats ist ablehnend. Man gehe nach wie vor davon aus, dass alle hier bestatteten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter seinerzeit umgebettet wurden und also "einer gewerblichen eisenbahnbetrieblichen Nutzung des Areals" nichts im Wege stehen würde. Es sei denn, diese Einschränkung wurde gemacht, es würden bei den Ausgrabungen tatsächlich menschliche Überreste gefunden. Die Grabungen sollen bis Jahresende abgeschlossen sein, so die Behörden. Frau Halle, die Leiterin der Ausgrabungen, hält dagegen: "Es dauert solange, wie es dauert."

Neue Ergebnisse von den archäologischen Untersuchungen

Interview mit Dieter Winge (Sprecher der "Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu") am 07.09.2021

Frage: Wie ist es eigentlich zu dem Beschluss gekommen, Prof. Dr. Uta Halle von der Landesarchäologie Bremen zu beauftragen, auf dem umstrittenen Gräberfeld Ausgrabungen vorzunehmen?

Antwort: Die Landesarchäologie ist per se zuständig für archäologische Grabungen, auch im Zusammenhang mit der neueren deutschen Geschichte. Eigentlich herrscht ein "dauerndes Ruherecht" für Verstorbene. Grabungen zur Identifikation der Opfer sind zulässig. Grabungen, die von vornherein eine Umbettung der Verstorbenen zum Ziel haben, sind hingegen völkerrechtlich unzulässig.

Frage: Was ist bis jetzt gefunden worden? Und welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

Antwort: Bisher sind einige Knochenfragmente insbesondere von Extremitäten sowie insgesamt fünf Erkennungsmarken gefunden worden. Dies deutet darauf hin, dass bisher in einem Bereich gegraben wurde, in dem Exhumierungen und Umbettungen stattgefunden haben. Außerdem deuten die Knochenfragmente darauf hin, dass nicht mit der erforderlichen Sorgfalt exhumiert worden ist und die Verstorbenen nicht vollständig umgebettet wurden, wie es das Gesetz eigentlich erfordert.

Frage: Untersucht wird jetzt ein Areal von etwa 60 x 60 Metern. Kann man das Gräberfeld so genau eingrenzen?

Antwort: Die Landesarchäologin hat ein Luftbild aus England zur Verfügung, das am Kriegsende entstanden ist und auf dem die Umrisse dieses „Kernfriedhofs“ relativ deutlich zu erkennen sind. Ganz offenbar wird davon ausgegangen, dass ausschließlich in diesem Bereich bestattet worden ist. Es existiert allerdings eine Karte vom Dezember 1941, mit der damals der Bau des Friedhofs begründet wurde. Dieses Areal misst 100 x 200 Meter. Wieso man jetzt davon ausgeht, dass ausschließlich in dem kleineren Areal Menschen bestattet wurden, erschließt sich uns nicht. Außerdem ist auf dem gesamten Areal mehrfach Sand aufgespült worden, auch noch nach Kriegsende. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass auch außerhalb dieses Kernbereichs Bestattungen erfolgt sind.

Frage: Eine wichtige Frage wird sein, ob die sterblichen Überreste der hier Bestatteten vollständig verwest sind? Sind dann noch Grabstellen festzustellen?

Antwort: Verwesungsprozesse beanspruchen unter normalen Bedingungen etwa 30 Jahre, bis auch die Knochen vollständig verwest sind. Unter normalen Umständen können dann auch auf dem „Russenfriedhof“ keine sterblichen Überreste mehr aufgefunden werden.

Frage: Wenn von den Archäologen keine Überreste mehr gefunden werden können, kann dann das Areal, wie von Bremenports gewünscht, entwidmet und für den Bau einer Bahnwerkstatt freigegeben werden?

Antwort: Nach dem humanitären Völkerrecht eigentlich nicht. Wenn die dort bestatteten Menschen vollständig verwest sind, kann auch keine Umbettung mehr stattfinden. Das Areal wäre dann auf ewig eine Kriegsgräberstätte und entsprechend zu behandeln und zu pflegen.

Interview: Sönke Hundt

Der gesamte Beitrag erschien, leicht verändert, zuerst am 09.09.2021 in der jungen Welt.


Ausführliche Berichte, Fotos und Dokumente unter:
www.bremerfriedensforum.de
https://bi-oslebshausen-und-umzu.de/

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